Meet Sean Hemmerle

Studio Sean Hemmerle © Miguel Marqueta
Sean Hemmerle im Gespraech © Miguel Marqueta
Sean Hemmerle im Gespraech © Miguel Marqueta

Nach langen Tagen brütender Hitze, fallen endlich die ersten, erlösenden Tropfen. Es riecht nach Asphalt und gebackenem Hühnchen – Chinatown ist nicht mehr weit von hier. Eine schier endlose Menschenmenge drängt sich auf dem Gehweg der Canal Street zwischen Parfümflakons, Gucci-Taschen und Rolex-Uhren – alles fake versteht sich. Nur eine Straßenecke entfernt jedoch gibt es die Originale, eine Straße weiter beginnt das Zentrum von SoHo. Rechts in die Wooster Street abgebogen, ist man schon fast da. Hier liegt zwischen der Republik of Fritz Hansen, dem Swiss Institut of Contemporary Art und dem Leslie Lohman Museum of Gay and Lesbian Art das alte Studio von Sean Hemmerle. Der Architektur- und Landschaftsfotograf arbeitete hier die letzten drei Jahre gemeinsam mit SoHo-Legende D. James Dee. Hemmerle betritt die Wooster ebenfalls von der Canal Street aus. Das weiße, kurzärmelige Hemd hängt lässig über seine dunkelblaue, leicht ausgewaschene Jeans. Eine große, schwarze Tasche baumelt von seiner rechten Schulter. Die Frisur ist neu: An den Seiten sind die dunklen Haare, in die sich bereits die ersten silbernen Strähnen gestohlen haben, kurzgeschoren; in der Mitte steht noch ein breiter Streifen wuscheliger Locken. Die moderne Variante eines Irokesen.

Die Räume der Front Room Gallery sind belebt mit dem Kunstvolk, das zur Nacht der offenen Galerien die Straßen von Williamsburg unsicher macht. Viele junge Kreative, aber auch gut situierte Kunstliebhaber haben sich ihren Weg über die drei graffitidekorierten Eingangsstufen in die Galerie gebahnt und genießen jetzt ihren ersten vielleicht zweiten Drink. Mitten drin der Mann des Abends: Sean Hemmerle. Die Haare noch voll und wild zerzaust, sticht er in seinem gutgeschnittenen, grauen Dreiteiler, mit passender Krawatte und Einstecktuch, aus der bunten, leger gekleideten Menge heraus. Die Stimmung ist ausgelassen, eher wie auf einer guten Party, denn auf einer Vernissage. Und Hemmerle scheint überall zu sein: Hier unterhält er sich mit einigen Betrachtern über seine ausgestellten Bilder aus dem Projekt Rust Belt, dort führt er ein Interview mit einer jungen, blonden Reporterin, die sich vorgenommen hat, alle Austtellungen des Abends zu besuchen.

Aus der Serie Rust Belt © Sean Hemmerle
Aus der Serie Rust Belt © Sean Hemmerle

Das Studio belegt das komplette Erdgeschoss eines 5-stöckigen Stadthauses in SoHo. Der große loftartige Raum ist schlauchförmig geschnitten und die einzigen Fenster liegen an der Stirnseite, gegenüber vom Eingang, mit Blick auf die nächste Backsteinwand. Sean Hemmerle bahnt sich seinen Weg durch das kreative Durcheinander, das hier seit einigen Wochen herrscht. Sein ehemaliger Studiopartner D. James Dee, auch bekannt unter dem Namen der SoHo Fotograf, beendet nach 39 Jahren seine Karriere als Dokumentarist für Kunstwerke und zieht mit seiner Frau nach Florida. Deshalb wird hier jetzt jahrzehntelange Arbeit in Kisten verpackt und das Chaos beherrscht den Raum. In einer Ecke steht ein massiver Werkschrank aus Holz, den die Fotografen zum Ablagesystem umfunktioniert haben. Aus jeder der vielen, kleinen Schubladen, die sonst für Schrauben, Nägel, Muttern und mehr dienten, lugen jetzt alte Filmrollen, Kontaktbögen oder Dias hervor. Das senfgelbe, abgewetzte Samtsofa verschwindet unter Fedexkartons und Verpackungsmaterial. Selbst wenn man sich setzten wollte, wäre der Weg von Tischplatten, Druckern und stapelweise Abzügen in unterschiedlichsten Formaten blockiert. Stühle stehen auf dem Kopf, eine alte Kirchenbank drängt sich neben eine Kleiderstange und eine graue Mülltonne, aus der man halbwegs erwartet, Oskar aus der Sesamstraße springen zu sehen. Mitten drin poppt ein rot-weißer Hula Hoop-Reifen farbig auf, wofür der mal gebraucht wurde? Man weiß es nicht.

Im hinteren Teil des Studios angekommen zerrt Hemmerle zwei Stühle, einer davon ein alter Eames Chair, aus einer Ecke hervor. („Ich habe immer Eames Chairs besessen, sie sind aus meinem Leben ein und ausgezogen.“) Er hat sich seinen eigenen, kleinen Bereich mit einem dicken, roten Samtvorhang abgetrennt. Das Licht dringt gedämpft durch die milchige Plastikfolie, die das gläserne Dach abdeckt, in den etwa 15 qm großen Raum. Vereinzelt hängen hier noch Bilder, früher waren alle Wände „über und über mit Fotos von vielen, verschiedenen Projekten bedeckt.“ Er hat hier vor allem Portraits fotografiert, „weil das Licht so einzigartig schön ist“. Die Plane diente ursprünglich dazu, das durchlässige Dach abzudichten. Jetzt wo der Regen auf das Glas trommelt, macht sie den Raum gemütlich.

Sean Hemmerle lehnt sich zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf, den Blick abwartend nach vorne gerichtet. Auf die Frage nach seiner favorisierten Kamera und ob er lieber digital oder analog fotografiert, grinst er langsam. Er hat immer in der Dunkelkammer gearbeitet, eine Zeit lang sogar ausschließlich und exklusiv da. „Filme haben einfach so eine ganz bestimmte Ästhetik, die ich sehr mag.“ Er fotografiert analog, scannt die Negative ein und bearbeitet sie digital am PC – so hat er das beste aus beiden Welten. Wenn sie dann zum Vergrößern gehen, gibt es eine perfekt abgemischte Version und Karl (der Drucker) weiß genau, wie die Bilder am Ende aussehen sollen. Aber es ist mehr als das: Manche Filme belichtet Hemmerle noch selbst in der Dunkelkammer und bannt sie auf Papier. Weil es da dieses Gefühl gibt, ein Geheimnis um das Bild, wenn man eben nicht weiß, was eigentlich am Ende des Prozesses heraus kommen wird. Dieser „magic moment“, wie er ihn nennt, „wenn dein Foto dann im Entwicklerbad langsam nach oben schwimmt und du merkst: Wow, das hat funktioniert. Das ist unglaublich, einfach wunderschön.“ Er deutet auf das Bild an der gegenüberliegenden Wand: „Ich erinnere mich noch genau wie ich das entwickelt habe und diese kleinen Büschel Gras hier als erstes auf dem Papier erschienen, wie das Licht in ihnen spielte. Großartig!“ Da zeigt sich nicht nur die Liebe zum Medium, sondern auch zur Methode.

Sean Hemmerle s/w Fotografie © Miguel Marqueta
Sean Hemmerle s/w Fotografie © Miguel Marqueta

So überrascht es nicht, dass er seine Leidenschaft für dieses, sein gewähltes Metier, an andere weitergeben will. Hemmerle lehrt am Westchester Community College Fotografie, insgesamt unterrichtet er drei Kurse: Digitale Fotografie 1, 2 und Geschichte der Fotografie. Wobei sein Herz vor allem für letzteres schlägt. Die intensive Beschäftigung mit historischen Fotografen und der Vermittlung seiner Passion an Studenten hat seine Einstellung zur Kunst verändert. „Es hat mich dazu gebracht meine Arbeit als Fotograf neu zu hinterfragen, es hat mich dazu gebracht ehrlicher mit mir selbst zu sein. Lehren hat mich härter und cleverer arbeiten lassen als je zuvor.“ Das ploppende Geräusch der Einpackfolie stört kurzzeitig seinen Redefluss, er fährt sich durch die Haare, lehnt sich erneut zurück und nimmt dann den Faden wieder auf. „Lehren ist das Beste, was ich für meine Karriere gemacht habe. Da war dieser Punkt in meinem Leben, so um die 40 herum, an dem ich mich festgefahren gefühlt habe. Ich hatte das Gefühl, alles gemacht zu haben, was ich erreichen wollte. Das Lehren hat mir die Augen und den Horizont geöffnet.“

Die Beschäftigung mit Fotografen wie Berenice Abbott, Walter Evans und William Christenberry erweitert seinen Horizont. 9/11 dagegen reißt ein Loch hinein. Hemmerle, der 1997 seinen Abschluss an der School of Visual Arts (SVA) in New York gemacht hat, ist im September 2001 vor Ort, als die zwei Türme fallen. Er ist wie erstarrt, will helfen, etwas tun, weiß aber nicht wie. Schließlich tut er das, was er am besten kann und hält die Kamera auf das Geschehen. Dokumentiert als einer von wenigen den Schock-Moment, nach dem das Leben in den USA, vielleicht das Leben weltweit, nicht mehr dasselbe war. Seine eigenen Worte sind hier wohl die besten, um zu beschreiben, wie dieser Tag ihn verändert hat. Auf seinem Blog Architographer.com schreibt er über die Erlebnisse jenes Schreckens und veröffentlicht auch die Bilder, die er an diesem Tag gemacht hat. Nach 2001 veränderte sich Sean Hemmerles Arbeitsweise, er beginnt Projekte wie War Zones, Media Nodes und Walls, die ihn in Krisengebiete, wie Afghanistan, Iran, Irak und schließlich in den Libanon nach Beirut führten.

„Ich habe so gut wie nichts mit nach Beirut genommen.“ Die Erklärung kommt unerwartet, seine Stimme klingt dabei jedoch fest und klar. Eben noch hat er über Eames Chairs, kleine New Yorker Appartments und das Umziehen innerhalb der Stadt gesprochen. Es ist ein überraschender Themenwechsel und doch kein überraschendes Thema. Sein Projekt Walls führte Hemmerle 2007 nach Beirut. Er war froh aus den Staaten heauszukommen, war enttäuscht von der Politik seines Landes und sah Beirut auch als Chance, endlich etwas Abstand zu den Verhältnissen in Amerika zu gewinnen. In Walls konzentriert sich Hemmerle auf historisch relevante Mauern weltweit. Mauern, die Städte, ja ganze Länder trennten und immer noch trennen. Er ist zur Berliner Mauer gereist, hat die Dead Zone auf Zypern festgehalten, die palestinensische Mauer dokumentiert und die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten abgelichtet. In Beirut hat ihn die Green Line, die das Land im Krieg von 1975 bis 1990 in zwei Hälften teilte, interessiert.

Es waren Bilder aus Beirut, die ihm schließlich zum internationalen Durchbruch verhalfen; mit ihnen schaffte er es zum ersten Mal auf das Cover des Time Magazine. („Ich war einfach nur überwältigt… Wow, das Cover vom Time Magazine!“) Sean Hemmerle gibt die entspannte Haltung – Arme hinter dem Kopf verschränkt, Beine unterschlagen, leichtes Lächeln auf den Lippen – auf, als er anfängt von den Geschehnissen in Beirut zu berichten, die zu diesen Bildern führten. Seine Tonlage schwankt zwischen der Begeisterung auf dem Cover gewesen zu sein und der Entrüstung über die Dinge, die er dafür gesehen hat. Man muss wohl beides haben, um es länger als einen Tag in solch einem Krisengebiet auszuhalten – Sean Hemmerle verbrachte sieben Monate in Beirut und „wäre vielleicht sogar dort geblieben.“ Die Bilder für das Time Magazine schoss er an einem sonnigen Tag in der Nähe von Tripoli. Eine Splittergruppe der Al-Qaida hatte sich dort in einem PLO Camp nahe Naher al Bared, nach einem Banküberfall in Tripoli, verschanzt und die libanesische Armee hatte gerade begonnen, das Camp zu bombadieren. Die Terroristen steckten Reifen in Brand, um unter dem Rauch besser operieren zu können. Hemmerle hält genau im richtigen Moment drauf: „Da kommt also diese massive Wolke dichten, schwarzen Rauches aus diesem pitorresken Küstenörtchen und ich machte Bilder davon.“
Aus unterschiedlichen Gründen kehrte er schließlich doch nach New York, seine Wahlheimat, zurück. Mit dem Abstand von sieben Monaten Beirut („Es war einfacher die USA von Beirut aus zu betrachten.“) startete er eine neue Serie, Rust Belt. Hierfür fotografierte er die Ruinen des ausgestorbenen Industriegürtels rund um Detroit. In seinen Bildern gewinnt er der längst vergangenen, rostigen Patina alter Fabriken beinahe poetische Dimensionen ab.

Bonn, 6. September 2013. 25 Plakatwände verteilt über die gesamte Innenstadt inszenieren vier Wochen lang eine Auswahl von Sean Hemmerles Bildern der letzten Jahre. „Solitary Structures zeigt Hemmerles visuelles Verständnis für Strukturen und Orte. Jedes Werk ist ein bildhaftes Argument für die Schönheit und ein Manifest dessen, wie Zeit einen Ort verändert und mit Geheimnissen belegt.“ So heißt es in der Pressemitteilung der Feroz Galerie. Julian Sander, Urenkel von August Sander und Inhaber der Galerie, kennt Hemmerle schon lange. Er schätzt dessen „feinfühlige und intelligente Art des Fotografierens“, aber auch dessen Umgang mit den Inhalten seiner Bilder: „Er [fotografiert] die Objekte, ohne über sie zu urteilen. Er fragt in seinen Bilder, warum die von ihm gezeigten Orte verlassen sind, da sie doch eigentlich für das Leben geschaffen wurden.“


Wen interessiert, was Sean Hemmerle sonst noch alles gesagt hat, der sollte Sean Hemmerle im Interview lesen.

Sean Hemmerle © Miguel Marqueta
Sean Hemmerle © Miguel Marqueta
Sean Hemmerle, geboren 1966 in Tempe, Arizona, diente vier Jahre in der U.S. Army (1984-88), bevor er die Fotografie für sich entdeckte. Nachdem er seinen Dienst quittiert hatte, studierte er an der University of Miami und an der New Yorker School of Visual Arts, an der er 1997 seinen Master of fine Arts (MFA) machte. Damit reiht er sich in die Riege vieler erfolgreicher Künstler, wie David LaChapelle (Fotograf) oder Daisuke Tsutsumi (Art Director von Pixar), ein. Schnell etablierte er sich als Architektur- und Landschaftsfotograf, er arbeitete für große Firmen in den USA, aber auch in Asien und Europa. Seit 9/11 beschäftigt er sich immer wieder mit den Auswirkungen des Krieges in NY, Iran, Irak, dem Libanon und vielen weiteren Ländern.

Sean Hemmerles Arbeiten werden weltweit in Museen ausgestellt, viele sind preisgekrönt. Seine Bilder erscheinen regelmäßig in etablierten Magazinen und Zeitschriften wie dem Time Magazine, Metropolis, WIRED oder der New York Times. Der Fotograf lebt und arbeitet in NYC.

Sean Hemmerles Fotos und einen persönlichen Einblick in seine Arbeit, gibt er auf seiner Website seanhemmerle.com und in seinem Blog Architographer.

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