Brooklyn vs. Berlin: Ralf Tekaat im Interview

Ausschnitt aus der Wandinstallation "Die Sonne geht im Westen auf; entstanden in New York.

Ausschnitt aus der Wandinstallation “Die Sonne geht im Westen auf” entstanden in New York.


Schicht um Schicht, Lage für Lage trägt der Berliner Künstler Ralf Tekaat mit einem Bleistift auf Papier auf, um seine großformatigen Zeichnungen zu erstellen. Eine Zeit lang tat er das in Brooklyn. Ob und wie das seine Kunst verändert hat, warum Mehmet Scholl eines seiner Idole ist und was das alles mit der kleinen Stadt Detmold aus Westfalen zu tun hat, erzählt er missHalliGalli im Interview.

Brooklyn vs. Berlin

missHalliGalli (mHG):

Was hat und fasziniert Sie immer noch an Brooklyn bzw. Berlin?

Ralf Tekaat(RT):

Brooklyn oder New York gibt mir immer das Gefühl nicht fremd zu sein. Man gehört sehr schnell dazu; selbst wenn man nur schlecht oder wenig Englisch spricht, findet man immer Menschen, die vielleicht schon ihr ganzes Leben dort wohnen und trotzdem noch viel schlechter sprechen. Und irgendwie ist das normal. Keinen wundert es dort.
An New York fasziniert mich die unglaubliche Dichte. Geht man durch Manhattan wechseln sich stetig die unterschiedlichsten Viertel ab. Eigentlich kann man sehr viel zu Fuß machen und dabei wird einem nie langweilig. Und da sind sich NY und Berlin ähnlich: Alle kommen dorthin, ob nun Musiker, Bands, Künstler oder Kuratoren. Auch die eigenen Freunde besuchen einen regelmäßiger als z.B. in Hannover.

Brooklyn selbst ist dann doch viel entspannter als Manhattan, eigentlich sehr europäisch, mit seinen kleinen Läden und Cafés. Und dort wie hier in Berlin gibt es noch viele Ecken und Orte, die nicht auf Gewinnmaximierung getrimmt sind. Natürlich werden die weniger. Aber es gehört auch zu einer Großstadt dazu, dass sich einzelne Viertel ändern, dass da Bewegung ist, dass plötzlich andere Gegenden angesagt sind.

mHG:

Wie haben die Aufenthalte in Brooklyn rückblickend Ihre Arbeit verändert?

RT:

Ich würde nicht behaupten, dass Brooklyn meine Arbeit verändert hat. Ich habe zwar in NY erstmals an einer Wandinstallation gearbeitet. Und mit der Arbeit „Auf der Suche nach Thomas R. Pynchon“ bekam ich dann den Bremer Förderpreis für bildende Kunst. Die Erinnerung an NY und an meine Aufenthalte dort ist generell positiv und gibt mir insofern immer wieder Kraft.

mHG:

Wie war Ihre Arbeitsroutine in New York, wie ist sie heute in Berlin?

RT:

Im Idealfall gehe ich – ob NY oder Berlin – morgens ins Atelier und verlasse dies nach sechs bis zehn Stunden wieder. Leider gehört neben der eigentlichen künstlerischen Arbeit im Atelier, noch die Arbeit am Computer dazu, also Bewerbungen schreiben, sich um Ausstellungen kümmern, Gelder beantragen, Arbeiten dokumentieren, Webseiten aktualisieren und natürlich netzwerken.
In New York war ich sehr viel unterwegs, habe mir sehr viel in Museen und Galerien angesehen. Dort kam ich oft in den Konflikt, wenn ich im Atelier war, dachte ich: Ich bin doch in NY, da muss ich mir doch die Stadt ansehen. Arbeiten kann ich auch in Deutschland wieder. Und wenn ich viel umherging – manchmal planlos, aber zumindest mit dem Fotoapparat – hatte ich eher das Gefühl, doch eigentlich im Atelier arbeiten zu sollen.

“Berlin bietet noch Freiräume. Es gibt noch

das Rohe und noch nicht Geschönte.”

mHG:

Nach vielen Jahren in Bremen und diversen Aufenthalten im Ausland, wieso haben Sie sich für Berlin als Heimatort entschieden?

RT:

Ich fühle mich in der Großstadt sehr wohl. Und da ist Berlin nun mal die Einzige in Deutschland. Berlin bietet noch Freiräume. Es gibt noch das Rohe und noch nicht Geschönte. Ich finde es auch gut, dass nicht alles so bleibt wie es ist, dass es eine lebendige Stadt ist, in der es immer etwas Neues zu entdecken gibt.

Eines von Ralf Tekaats Bild Objekten mit dem Titel Fels-Flosse.

Eines von Ralf Tekaats Bild Objekten mit dem Titel Fels-Flosse.

Tekaat privat

mHG:

Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?

RT:

Ich habe erst Visuelle Kommunikation an der FH Münster studiert. Bevor ich anfing zu studieren konnte ich mir nicht vorstellen, nur aus mir heraus zu arbeiten, mir meine Themen selbst zu stellen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich genügend zu sagen hätte, um Künstler zu werden. Das hat sich allerdings schon nach einem Semester geändert. Da merkte ich, ich will frei arbeiten und nicht Aufträge erfüllen.

mHG:

Sie nennen James Joyce, Harald Schmidt und Mehmet Scholl als Ihre Idole, sehr unterschiedlich, was eint diese bzw. was macht sie dazu?

RT:

Erstmal besitzen alle drei Humor. Ganz wichtig. Sie sind Ästheten und sie haben hohe Ansprüche an ihre Arbeit. Sie machen oder machten nur das, was sie selbst wollen und gehen oder gingen keine Kompromisse ein.

mHG:

Haben Sie künstlerische Vorbilder?

RT:

Robert Rauschenberg mit seiner Vielfalt, Martin Kippenbergers Humor und Wolfgang Schmitz (mein ehemaliger Prof) ein begnadeter Zeichner.

mHG:

Lehre und selber künstlerisch aktiv sein, wie geht das zusammen?

RT:

Ich versuche den Studierenden etwas von meiner Begeisterung für die Zeichnung mitzugeben und versuche sie für das, was sie sehen zu sensibilisieren. Die Zeichnung scheint heute zu Dokumentationszwecken ein anachronistisches Medium, birgt aber in der Ruhe und der Langsamkeit viele Möglichkeiten.

“Meine Zeichnungen sollten groß, schwer

und gern auch bedrohlich sein.”

Der künstlerische Prozess oder Wie arbeitet Ralf Tekaat?

Der Stift

mHG:

Sie rückübersetzen die Lagentechnik der Ölgemälde in die Eindimensionalität des Bleistiftes, was fasziniert sie so am Grau auf Grau?

RT:

Mich fasziniert der Bleistift. Seine Möglichkeiten mit Schraffuren diese Plastizität, dieses Volumen zu erreichen. Und auch die unglaubliche Schwärze, die möglich ist, in der man aber trotzdem noch die verschiedenen Schraffurschichten sehen kann. Je nach Lichteinfall verändern sich diese Flächen sogar.
In meinen großen Zeichnungen (zuletzt 2,5 x 4 Meter) spielt auch der Zeitfaktor eine Rolle; dass man den Zeichnungen unmittelbar die investierte Zeit ansieht, weil jeder eine Vorstellung von einem Bleistift hat und wie lange es dauert, eine Fläche damit zu füllen und zu bearbeiten.
Und noch während meines Studiums hatte ich die Vorstellung, Zeichnungen zu machen, die der allgemeinen Vorstellung von Zeichnung, nämlich leicht, spontan, flüchtig und eigentlich nur eine Vorstudie, widersprechen. Meine Zeichnungen sollten groß, schwer und gern auch bedrohlich sein. Und sie sollten die Präsenz von Malerei haben und so Ausstellungsräume dominieren können.

Ralf Tekaat vor seiner Bilderreihe Massiv 4.

Ralf Tekaat vor seiner Bilderreihe Massive.

mHG:
Manchmal greifen Sie aber doch zum Buntstift. Wann reichen monochrome Schattierungen nicht mehr aus?

RT:

Die Farbe ist so eingesetzt, dass sie eigentlich ebenfalls keine konkrete Mehrinformation bietet. Sie verunklärt ebenfalls. So gibt es eine grüne Rakete oder eine rasengrünes Fell oder eine grellrote Überwachungskamera. Mit der Farbe locke ich die Betrachter leichter in meine Bilder.

Objekte und Installationen

mHG:

Ihre Objekte schweben meist im weissen, beinahe luftleeren Raum. Warum fehlt der Kontext? Ist das „Betrachter-Arbeit“?

RT:

Bei den Objekten geht es um eine Offenheit und Ambivalenz der Dinge. Die erreiche ich am besten, wenn weder Vordergrund, Hintergrund oder andere Information dazu gegeben werden. So ist die Größe und meist auch die Funktion nicht eindeutig zu bestimmen. Sicherlich ist in dem Moment der Betrachter mehr gefordert, sich Gedanken über die Funktion und den Sinn dieses Dings zu machen. So hat er die Möglichkeit, es sich in verschiedenen Situationen vorzustellen.

mHG:

Inspirieren Sie reale Objekte oder entstehen die Bildobjekte Ihrer Zeichnungen aus Ihrer Fantasie?

RT:

Es gibt viele kleine Skizzen, die meist unterwegs im Café oder der Kneipe oder im Zug oder beim Warten entstehen. Meist fange ich mit etwas an, dass ich dort vor Ort sehe. Manchmal verwandelt sich dieses Ding bereits beim ersten Zeichnen zu etwas Anderem, manchmal passiert diese Wandlung beim zweiten Überarbeiten. Diese Miniaturen dienen mir als Idee für große Arbeiten, die sich aber meist im Arbeitsprozess weiter verändern. Ziel ist es, dass die gezeichneten Objekte nicht vollends zu greifen sind; dass sie verschiedene Assoziationen wecken, die sogar zum Teil widersprüchlich sind.

mHG:

Was sagt Ihnen mehr zu archaisch oder technoid? Berg oder Gebäude?

RT:

Ich mag beides. Ein Bergmassiv ist abwechslungsreicher beim Zeichnen. Generell ist bei mir der Übergang zwischen den Bereichen archaisch und technoid fließend. Am liebsten ist mir das technoide, wenn es so aussieht wie in Terry Gilliams „Twelve Monkeys“.

“Es geht immer wieder um die Mehrschichtigkeit

der Dinge, dieses sowohl-als-auch.”

mHG:

Schwere, statische Objekte (Zeichnungen) vs. leichte, fast schwebende Verbindungen (Wandinstallationen). Wieso beides? Braucht das eine das andere als Balance?

RT:

Natürlich braucht es beides. Es geht um die Gesamtheit. Und auch meine blockhaften Objekte schweben auf dem Papier und meine großen Massive entpuppen sich aus der Nähe betrachtet als dünne, hellgraue Schraffuren. Es geht immer wieder um die Mehrschichtigkeit der Dinge, dieses „sowohl-als-auch“. Da kommt mir immer wieder Joyce in den Sinn, der dies in seinem Spätwerk „Finnegans Wake“ in der Sprache zum Ziel hatte.

"Auf der Suche nach Thomas Pynchon" Wandinstallation

“Auf der Suche nach Thomas Pynchon” Wandinstallation

Zukunftsmusik

mHG:

Ihre nächste Ausstellung beschäftigt sich mit der westfälischen Kleinstadt Detmold. Was hat Sie dazu inspiriert?

RT:

„Mythos Detmold“ ist eine Zusammenarbeit mit Norbert Bauer (Bremen). Wir arbeiten seit bald 10 Jahren regelmäßig zusammen. In unseren bisherigen Arbeiten wurde Detmold immer wieder erwähnt, vor allem wegen dem Teutoburger Wald, der Schlacht im selbigen und dem Hermannsdenkmal. Es entwickelte sich aber auch fast zu einem running gag, dass unsere Protagonisten etwas mit Detmold zu tun hatten, was aber nicht weiter erklärt wurde. Ich selbst kenne Detmold nicht. Ich finde den Klang gut. Er ruft bei mir automatisch das Bild einer typischen, etwas piefigen, deutschen Kleinstadt wach.

mHG:

Geben Sie uns einen kleinen Vorausblick: Was erwartet den Betrachter bei einer Ausstellung zum Mythos einer Stadt?

RT:

Es wird um Geschichte gehen. Um private Geschichten aus der Jugend, aber auch um Geschichten, die im allgemeinen Bewusstsein verankert sind. Im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Arbeit steht die Frage wie Bilder, Begriffe und Ereignisse Eingang ins kollektive Gedächtnis finden, vermittelt und kommuniziert werden. Detmold dient als Blaupause für einen Ort, der so unbestimmt ist, dass er zur Projektionsfläche für alle möglichen Formen von Fantasien, Obsessionen und Fluchten werden kann.


Ralf Tekaat

Ralf Tekaat

Ralf Tekaat, geboren 1970 in Bobingen (Bayern), studierte Visual Communication an der Universität Münster und schloss sein Studium 1997 mit einem Diplom ab. Von 1997 bis 2002 studierte er Visual Arts an der Universität der Künste Bremen in den Klassen von Wolfgang Schmitz und Paco Knöller, dessen Gruppe er sich nach seinem Abschluss 2002 anschloss. Seit 2012 hat er selbst einen Lehrauftrag von der Universität Bremen. Seine Arbeiten sind mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bremer Förderpreis und dem OAS-Förderpreis für Fotografie und Grafik. Tekaat lebt und arbeitet in Berlin.

Tekaat sieht sich selbst als Zeichner, der sich vor allem auf Arbeiten mit dem Papier fokussiert hat. In seinen übergroßen Bleistiftzeichnunge lässt er Lage um Lage, Schraffur um Schraffur schwerfällige Objekte, die jedoch im luftleeren Raum beinahe schweben, entstehen. In seinen Wandinstallationen konzentriert er sich dagegen eher auf das Erzählen von Geschichten.

Mehr Infos über Ralf Tekaat und seine Arbeit, gibt es auf seiner Website ralftekaat.de.

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One thought on “Brooklyn vs. Berlin: Ralf Tekaat im Interview

  1. Ulbrich, Marianne on said:

    Sollte Herr Tekaat mal eine Einladung in das schöne Detmold wollen, dann spreche ich die gern aus, incl. Stadtführung.

    Schoener Artikel, spannender Kuenstler!
    Marianne aus Detmold

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